In Ocala National Forest


Donnerstag, den 05.02.2004

Florida ist das Land der artesischen Quellen. Viele dieser Wassertöpfe sind sehr ergiebig, sie bringen aus tieferen Felsschichten mehrere tausend Liter Wasser in der Sekunde auf die Oberfläche. Hundert Meter von unserem Zeltplatz entspringt das Juniper Spring, eine dieser Quellen. Sie wurde Anfang der dreißiger Jahre nach der Weltwirtschaftskrise als Arbeitsbeschaffungs-maßnahme in Regierungsauftrag als Schwimm-becken für Erholungsuchende ausgebaut. Zusätzlich wurden einige kurze Lehrpfade (hier weitere Bilder) angelegt, um die nähere Umgebung zu erkundschaften. Sonst ist die Gegend ein weitläufiger wegloser sumpfiger Dschungel. Der Abfluss des Springs ist ein am Anfang schmales und unscheinbares Bächlein, das Juniper Creek. Es gibt hier auch ein Bootsverleih. Mit dem Zweierkanu ist es möglich dem Fluss entlang zu paddeln. Nach etwa 12 Kilometern, wo der Fluss eine Landstraße kreuzt, wird man von der Bootsvermieter mit Auto abgeholt. Die Sache hört sich ziemlich einfach an, das Wetter ist wie

für Bootsfahren bestellt, wir wollen es probieren. Kurz entschlossen packen wir die Rucksäcke, schnappen die Kameras und mieten ein Kanu.

Bevor wir lospaddeln, müssen wir einen Film anschauen, der uns zeigt, wie und wo es entlang geht und wie man sich dabei verhalten soll. Damit unterwegs nichts weggeworfen wird, ist es beispielsweise verboten, Getränke

in Einwegpackung mitzunehmen. Wir werden mit Nachdruck ermahnt, auf der Strecke das Boot nicht zu verlassen, da mit den Schlangen und Alligatoren nicht zu spaßen ist. Für Notfälle bekommen wir Schwimmwesten und Trillerpfeifen.

Mit etwas mulmigem Gefühl nehmen wir in dem etwas wackligen Gefährt Platz und fahren los. Nur nach fünf Minuten sind wir absolut allein in einem dichten, naturbelassenen Urwald. Das Bach ist etwa 2-3 Meter breit, nur etwa 30 cm tief, das Wasser ist kristallklar und auffallend warm, so um +20oC. Hier brauchen wir doch keine Schwimmwesten! Die Dinge landen schnell im Boot. Das Vorankommen ist etwas mühsam, da die ins Wasser gestürzte Bäume nicht entfernt werden.

Wir üben uns in der Kunst des Limbo-Tänzers, wobei ich nicht so geschickt bin wie Suzanne und mir einige Kopfbeulen hole. Aber die anfängliche Spannung fällt von uns bald ab, wir genießen die großartige Natur um uns. Die großen Eichen sind nicht nur mit den langen Lametten des grauen Mooses dekoriert sondern auch mit grünen Bromelien bewachsen, die jetzt ihre langen rosafarbenen Rispenblüten zeigen. Wo die Sonnenstrahlen hinkommen, lassen sich ganze Reihen von großen schwarzgelben Schildkröten den Rücken wärmen. Die sind gar nicht scheu und mehmen von uns kaum Notiz. Wir fotografieren wild herum.
Dann ändert sich das Bild. Es münden weitere Wasserläufe in unsern Fluss, der Fluss wird breiter und schneller, am Rand wachsen hier

riesige Sumpfzypressen mit ihrem merkwürdigen, gerippten Baumstamm und mit den eigenartigen Wurzelstöcken, die wie kleine Türmchen aus dem Boden ragen. Dann öffnet sich der Wald zu einer Sumpfwiese, wo zwischen Gräsern und Wasserhyazinthen der Fluss sich fast verliert. Wir haben Mühe befahrbares Wasser zu finden. Neben uns fischen große graue und etwas kleinere weiße Reier. Alligatoren haben wir noch nicht gesehen, was uns ein wenig enttäuscht.

Dann verengt sich der Wasserlauf wieder. Hier ist es schon etwa zehn Meter breit, ein Meter tief und plätschert recht munter. Wir sind schon über drei Stunden unterwegs, haben viele viele schöne Aufnahmen gemacht und wir bedauern, dass die Reise bald zu Ende geht. Wir paddeln jetzt wie alte Profis, obwohl wir noch immer aufpassen müssen, da der Fluss schneller ist und dabei wilde Kurven schlägt.

Dann passiert es so schnell, dass wir es auch nachträglich kaum rekapitulieren können: In einer Kurve drückt uns die Srömung unter die Uferbüsche und schon liegen wir im

Wasser! Wir sind umgekippt, und alles, was wir mithaben, ist dabei sich von uns zu entfernen: Rucksäcke, Jacken, Schwimmwesten, Paddeln. Zum Glück ist das Wasser nur ein Meter tief, wir sputen hinter den Sachen her. Suzanne hat eben den letzten schwimmenden Rucksack gerettet, dreht sich um und taucht mit einem Schrei im Wasser hinunter! Mir blieb das Herz stehen: die Alligatoren!!! Ich springe hin, bekomme ihre Hand zu fassen und ziehe sie zu mir. Ich könnte vor Glück weinen, als ich sehe, es war kein Alligator, es war nur ein tiefes Wasserloch.

Wir haben Glück im Unglück: obwohl der Ufer dicht bewachsen ist, finden wir just an dieser Stelle ein Wildpfad, so dass wir aus dem Wasser klettern und die geretteten Sachen sichten können. Jetzt erst merken wir, dass einige Dinge fehlen: die zwei Digitalkameras, ein Paddel und meine Mütze.

Ich suche kurz danach, aber auch die sind in das besagte Wasserloch gefallen und bei dieser Strömung drei Meter tief zu tauchen und dort vielleicht mit Alligatoren um die Fotoapparate zu streiten, traue ich mich nicht.

Ein weiteres Problem haben wir dadurch, dass das Boot vollgelaufen ist und wir es nicht schaffen, es in dem Wasser zu entleeren. So ziehen wir das Boot kieloben auf das Ufer, wobei wir uns von oben bis unten mit Schlamm bekleckern.

Mit einem Paddel setzen wir unseren Weg fort und kommen ohne weitere Zwischenfälle bei der Anlegestelle an, wo das boot aus dem wasser geholt wird. Wir werden schon erwartet. Wir erfahren, dass heute außer uns nur ein einziges Boot unterwegs war und auch das vor uns. Wir hätten also auf eine Hilfe recht lange warten müssen. Soviel über die Trillerpfeife. Auch wird uns erst jetz nachträglich erzählt, dass unser Missgeschick keineswegs einzigartig ist und es recht oft vorkommt, dass Gäste baden gehen.

Zurück im Camp hängen wir alles zum Trocknen auf die Leine. In der Nähe gibt es eine Tankstelle, sie hat praktischerweise ein Waschsalon, wo wir den Schlamm aus unseren Klamotten spühlen können. So sind wir bald wieder sauber, trocken und guter Dinge, nur die verlorenen Kameras und Bilder schmerzen uns. Morgen wollen wir neue Apparate besorgen.