2. Tag: Von Bad Tölz nach Maurach am Achensee 60 km
Donnerstag, den 31.05.2007

Bei dem Frühstück höre ich, wie unser Nachbar, ein bärtiger Mensch um die 50, ungarisch telefoniert. Vorher hat er mit der Wirtin fast akzentfrei deutsch unterhalten. Also auch ein Emigrant. Nachdem er das Gespräch beendet, spreche ich ihn an:

Na, Sie sind wohl auch einer, der gezwungen ist, das bittere Brot eines fremden Landes zu essen?

Mit dem Ausdruck, Einer, der das bittere Brot der Fremde isst, werden in Ungarn die emigrierten Ungarn bezeichnet. Nach ungarischer Vorstellung nämlich kann ein Ungar nur in Ungarn leben. Sogar die ungarische Nationalhymne sagt:

Außer dem Ungarland gibt es für dich auf der Welt keinen Platz. Hier musst du leben, hier musst du sterben!

Ich frage mich allerdings, was machen die Millionen Ungarn, die in der ganzen Welt zerstreut sind. Leben die gar nicht? Was ist beispielsweise mit mir? So ist meine obige Frage eher ironisch gemeint.

In dem kurzen Gespräch, das folgt, erzählt unser Tischnachbar, dass er Maler ist und vor 22 Jahren aus Ungarn flüchtete, weil er von seiner Kunst dort nicht leben konnte. Er hat hier, in Bad Tölz, Heim und Arbeit gefunden, allerdings nicht als Bildermaler, sondern als Restaurator. Er hat in ungefähr 60 Kirchen mitgearbeitet, unter anderen in der Wieskirche und in der Asamkirche in München. Jetzt wohnt er aus familiären Gründen wieder in Ungarn. Über die dortigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ist er schier verzweifelt und meint, so katastrophal ist die Stimmung dort nicht mal unter den Kommunisten gewesen. Sein Auskommen findet er nach wie vor bei uns, indem er für deutsche Kunden Bilder restauriert.

Abschied von Bad Tölz

Das Wetter ist zwar kalt, aber freundlich. Noch ein letzter Blick auf die Stadt und es kann weiter gehen.

Isarradweg hinter Bad Tölz

Unsere Radweg durch die Auen ist unbefestigt, aber gut befahrbar, eine idyllische Route. Vor uns die hohen Berge, die immer näher kommen. Vom Wegrand grüßen uns die bunten Wildblüten, darunter auch seltene wilde Orchideen. Kein Wunder, dass dieser schöne Weg schon in den Morgenstunden von auffallend vielen Radlern benutzt wird.

Kurze Pause
Wilde Orchidee am Wegrand

Etwa drei Kilometer südlich von Bad Tölz zeigt ein Wegweiser, wo es zum Kunstwerk „Klein Kairo“ abzweigt. Hier hat am Flussufer ein Amateurkünstler, der Rentner Karl-Heinz Fett, Dutzende manshohe Steinkegeln hochgezogen. Die Szene vermittelt eine eigenartige, urige Stimmung. Es ist ein Werk, das trotz des widerstandsfähigen Materials nur begrenzt zeitbeständig ist. Die Türme werden von jedem Hochwasser beschädigt oder gar zerstört, und anschließend von dem Erbauer in veränderter Form wieder aufgebaut. Sisyphus lässt grüßen.

Schlegldorf
Lenggries

Nach einer kurzen Pause in Lenggries setzen wir den allmählich steileren Weg fort. Ein gute, asphaltierte Radstreifen begleitet die Landstraße, die zum Sylvenstein Stausee hochsteigt. Erst vor dem See, wo der Radweg eine Abkürzung nimmt und auf dem Hang direkt hochklettert, müssen wir kurz schieben. Trotzdem ist es ein großartiger, aufwendig erbauter Radweg, der kurz vor dem See sogar durch einen eigenen Tunnel geführt wird.

Radweg hinter Lenggries
Radweg zum Sylvensteinsee
Goldköpfchen am Wegrand
Radweg zum Sylvensteinsee
Radwegtunnel zum Sylvensteinsee
Sylvensteinsee

Am Sylvensteinsee werden die Radler, um sie von der Landstraße fern zu halten, auf schlechten Wegen um den See und über die Berge geschickt. Wir merken die Finte und ignorieren die Radwegmarkierung. Die viel kürzere Landstraße ist breit und lange nicht so stark befahren, dass hier das Radeln problematisch sein könnte. Bald passieren wir die deutsch-österreichische Grenze, die heute nur durch eine Grenzschild gekennzeichnet ist. Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, in denen hier von Zöllnern nach Butter und Rum gesucht wurde.

An der deutsch-österreichischen Grenze

Etwas später werden wir dann doch noch in eine Radwegfalle gelockt. Es fing ganz harmlos mit einem Parallelstreifen an. Nach einer Weile kam zwischen diesem Radstreifen und der Fahrbahn eine Leitplanke dazu. Nichts Böses ahnend fuhren wir weiter. Plötzlich trennten sich die Wege, unsere kippte steil in das Tal hinab. Besser wäre es gewesen, von hier zurück zu fahren, und auf der Landstraße zu bleiben. Wir blieben aber auf dem Radweg, der - obwohl wir tendenziell nach oben wollten - erst einmal nach unten lief. Der Rest ist zum Vergessen. Die Fluche, die ich später beim Schieben ausgestoßen habe, werden mich noch in die Hölle bringen.

Die besagte Schiebestrecke

Die Straße steigt konstant weiter. Das steilste Stück befindet sich nach Achenwald, aber es ist nur vielleicht ein Kilometer lang und auch für uns gut machbar. Oben finden wir einen kleinen Lokal, wo wir Kaffee und Kuchen bekommen. Wir haben es geschafft, wir sind fast ganz oben. Das Skigebiet über Achenkirch kenne ich gut, und wenn ich es besuchte, kam mir die Gegend hier immer ungeheuer hoch vor. Wir haben es jetzt relativ locker geschafft.

Fast geschafft!
Vor Achenkirch
Achenkirch
Achensee

Am Ostufer des Achensees befindet sich einer der schönsten Radwege, den wir kennen. Die Berge sind hoch, die Hänge sind steil, die Landstraße ist auf langen Strecken in Tunneln und Galerien versteckt. Die frühere schmale Uferstraße ist für Autos gesperrt und wird heute nur noch von Radfahrern und Spaziergängern benutzt. Obwohl das Wetter sich verschlechtert und einige Regentropfen uns zur Eile treiben, ist das Bild, das sich uns bietet, richtig malerisch. Trotz grauen Wolken ist der See smaragdgrün, die Berge darüber sind leicht verschneit, wie mit Puderzucker bestreut.

Radweg am Achensee
Radweg am Achensee

Wir erreichen Maurach, wo wir im Hotel Klingler ein schönes Zimmer bekommen. Das Haus hat auch ein Lokal, Konditorei und Restaurant in einem, wo wir recht gut verköstigt werden.

Hirschgulasch im Restaurant Klingler

Maurach ist, jedenfalls der Teil, den wir hier übersehen können, ein Haufen von hässlichen, charakterlosen Ferienbauten. Man ist eifrig dabei, diesen Haufen noch zu vergrößern. Es wird auf Teufel komm raus gebaut und gewerkelt, Baustellen, Baumaschinen und Baulärm, wohin man auch schaut. Auch der Verkehrsknotenpunkt um die Ecke wird umgestaltet. Um ein zukünftiges, mit Beton umrandetes Blumenbeet wird der Verkehr geleitet. Nichts Besonderes. Hier wird das Ganze aber verschönert, indem man den Platz halbkreisförmig mit Stützen und Querbalken einrahmt. Mich erinnert es an mittelalterlichen Hinrichtungsstätten, die man auf alten Stichen sieht. Nur die baumelnde Gehängten fehlen noch. Der Baumeister, wem sowas einfällt, wurde früher nicht nur aus dem Dorf, sondern aus dem Land gejagt.

Alpenländische Dorfverschönerung in Maurach am Achensee