Black Canyon City - Phoenix

Dienstag, den 15.03.2005

Der Schlechtwetterfront ist weitergezogen. Es ist zwar noch recht kalt, aber wie die Sonne höher steigt, wird es schnell wärmer.

Ein Camper erzählt uns, dass er gestern vielleicht nur eine Stunde später in Flagstaff war als wir. Es ging dort gar nichts mehr. Die Polizei musste für zwei Stunden die Straße sperren, damit das Gröbste vom Schnee weggeräumt werden konnte.





Bis Phoenix ist es nur eine Stunde auf der Autobahn. An den sanften Hügeln links und rechts von uns wachsen Wüstenpflanzen. Die ist allerdings die freundlichste Wüste, die wir bis jetzt gesehen haben. Zwischen den Kaktussäulen sind niedrigere Blätterkakteen, von denen viele blühen. Auch das margarittenartige Gewächs, das wir schon in Death Valley bewundert haben, färbt auch hier die Felder leuchtend gelb.

Je näher wir zu der Zweimillionenstadt Phoenix kommen, um so größer der Verkehr, und leider nicht nur größer, sondern auch unamerikanisch agressiver. Ich fühle mich fast wie zuhause in München. Beispielsweise verpasse ich die richtige Ausfahrt nicht, weil ich den verschlafe, sondern weil man mich trotz langem Blinken und trotz fremdem, californischem Kennzeichen nicht an den Abbiegerspur lässt.

Wir suchen ein Camping, das vom Reiseführer Lonely Planet empfohlen wird; von uns - nachträglich betrachtet - nicht unbedingt. Das Western World ist auf Reiter und Pferdenarren eingerichtet, ohne Pferd bekommt man einen Platz, der weder eben ist, noch Anschlüsse hat.

Camping in Phoenix

Als erstes besuchen wir Taliesin West, die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte von Frank Lloyd Wright. Schon damals namhaft aber nocht nicht so berühmt wie in späteren Jahren, war er 1927 wegen eines Projektes in Phoenix. Aus dem Projekt wurde zwar nichts, aber er hat die Gegend gesehen und liebgewonnen. Als er einige Jahre später zu Geld kam, hat er hier ein Stück Wüste von 600 Hektar gekauft, sich ein Haus darauf bauen lassen und eine Bauschule gegründet, in der er seine Ideen von Architektur und Ästhetik an junge, zukünftige Architekten weitergab. Diese Schule existiert heute noch als Stiftung. Die erste Bauten dürfen im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Taliesin West, Phoenix
Taliesin West, Phoenix

Der geniale Baumeister war ein Anhänger von ganzheitlichem Lernen. Natur, Mensch und Werk aus einem Guss, dieser Grundgedanke hat ihn zum größten amerikanischen Architekten aller Zeiten gemacht.

Taliesin West, Phoenix

Die ersten Schüler, die wurden "Lehrlinge" genannt, haben in Zelten gewohnt und die ersten Häuser selbst geplant und gebaut. Auf dem Lehrplan stand nicht nur das Bauen, sondern auch Kochen und Musizieren, wobei die Gemenschaft, das Miteinander ganz groß geschrieben wurde.

Taliesin West, Phoenix

Geniale Menschen sind meistens keine einfachen Menschen. So wird bei der Besichtigung auch von Frank Lloyd Wright manche kurriose Geschichte erzählt:

Er war ein sehr eiteler Mensch. Obwohl Brillenträger, es gibt kein Foto, wo er mit Brille zu sehen ist. Sein Spruch dazu: "Brillen sind dafür da, damit man besser sieht, nicht damit man besser gesehen wird!"

Als er hier anfing zu bauen, gab es ringsum nur Wüste. Irgendwann in den späten 40-ern hat man zwar weit, aber in Sichtweite seiner nach westen gerichteten Sunset-Terrasse eine Stromleitung gebaut, die seine Schönheitsgefühl verletzte. Nachdem seine Beschwerden bei der Stadtverwaltung kein Gehör fanden, hat er sich beim Präsident Truman beschwert, der ihm auch nicht helfen konnte. Daraufhin hat er sein Haus umgebaut, die Terrasse und die Fenster nach Osten ausgerichtet, damit er die Strommasten nicht zu sehen braucht.







Taliesin West, Phoenix

Zuletzt die Geschichte mit den Flügeln. Er war ein großer Musikliebhaber und selbst ein ganz passabeler Klavierspieler. Als Superästhet war er der Meinung, dass verschiedene Komponisten und verschiedene Musikstücke nach verschiedenen Instrumenten verlangen. So hat er sich mit der Zeit neun Flügel zugelegt. Überall im Haus standen diese großen Instrumente herum und seine Frau soll sich darüber beschwert haben. Darauf hin erfand er die Klaviernische, eine Wandvertiefung, in der ein Flügel mit aufgeklapptem Deckel Platz fand. Die hat angeblich sogar die Akustik verbessert. Danach hat Wright auch bei seinen Aufträgen oft eine Klaviernische eingeplant. Einer der Bauherren hat sich dagegen ausgesprochen, worauf zwischen ihm und dem Meister folgender Dialog stattfand:

"Wir haben gar kein Klavier!" sagte der Bauherr.

"Man kann aber welchen käuflich erwerben."

"Aber in meiner Familie kann niemand Klavier spielen."

"Dann ist es aber höchste Zeit, dass sie es lernen!"

Klaviernische, Taliesin West, Phoenix

Wir wollen Phoenix etwas näher kennenlernen, so fahren wir ein Stück mit dem Auto, und dann weiter mit den Fahrrädern. Hier einige Erkenntnisse dieses Ausflugs:

Die etwa zwei Millionen Menschen in Phoenix leben in Einfamilienhäusern. Dadurch hat die Stadt eine Ausdehnung von 40 x 60 Kilometern. Das Zentrum mit Hochhäusern ist eher eine kleine Insel im Meer dieser Bürgeridylle. Mal schnell irgendwo hinradeln ist zwar an ruhigen Wohnstraßen und an manchmal sogar vorhandenen Radwegen angenehm, aber durch die großen Entfernungen fast unmöglich.

Downtown, Phoenix

Als "Old Town" wird eine etwas ländliche Straßenkreuzung bezeichnet, wo ein kleines Schulhaus von 1909 steht.

Einige Straßenzüge sind als Privatgelände komplett eingezäunt und für Fremde unzugänglich.

Viele der Gärten und Vorgärten sind nicht mit Gras und Büsche bepflanzt, wie bei uns, sondern sind bekiest. In dem Kiesbett wachsen Kakteen.

Und schließlich: Wer den vielgepriesenen Papago-Park hochlobt, der hat vom Englischen Garten noch nie was gehört.

Oldtown, Phoenix